Der Rezyklatmarkt in Europa ist ohne die erhoffte Belebung in den Herbst gegangen. Das Bureau of International Recycling (BIR) hat am 12. Oktober 2026 seinen vierteljährlichen World Mirror on Plastics veröffentlicht. Langfristig sieht der Verband für das Kunststoffrecycling in Europa positive Perspektiven, die aktuelle Lage nennt er jedoch „bleak“, also düster. Die Nachfrage ist gedämpft, Käufer halten sich zurück, Material gibt es reichlich. Für Preiserhöhungen haben Recycler nur „minimal scope“, kaum Spielraum. Zugleich macht billigere Seefracht asiatische Rezyklate leichter verfügbar. Die Vorschriften, die Nachfrage nach europäischem Material schaffen sollen, greifen dagegen größtenteils erst in einigen Jahren.
Nach dem Sommer kam keine Wende
Die nach den Sommerferien erwartete Erholung ist ausgeblieben. Verarbeiter kaufen vorsichtig, die Lager sind gut gefüllt, und Verkäufer konkurrieren über den Preis, statt ihn zu bestimmen.
Ein Teil der Schwäche kommt aus der Autobranche, einem wichtigen Abnehmermarkt. Der europäischen Automobilindustrie geht es schlecht: Zulieferer und Hersteller restrukturieren und bauen Stellen ab. Fahrzeugteile sind ein fester Absatzweg für recycelte Polyolefine, also PE und PP. Wenn die Autobranche zögert, wird entlang der ganzen Kette vorsichtig eingekauft.
BIR verweist außerdem auf „substantial capacity closures“, die seit 2023 zu beobachten sind. Der Markt schrumpft also von zwei Seiten. Käufer bestellen weniger, und Anlagen, die ihre Kosten nicht mehr decken, schließen. Die jüngsten Daten von Plastics Europe zur zirkulären Produktion zeigten denselben Stillstand aus Sicht der Kunststofferzeuger. Der BIR-Bericht zeigt dasselbe Bild aus Sicht der Recyclingbetriebe.
Preise halten, Margen nicht
Die Preise für PE- und PP-Rezyklate, also recyceltes Polyethylen und Polypropylen, bewegten sich zwischen stabil und leicht rückläufig, je nach Qualität und Anwendung. Naturfarbene und transparente LDPE- und HDPE-Qualitäten, also Polyethylen niedriger und hoher Dichte, schlagen sich besser als farblich gemischte Industriequalitäten. Recyceltes Polypropylen (rPP) kann Preiserhöhungen kaum durchsetzen.
Neuware PP, also nicht recyceltes Polypropylen, hat sich zuletzt gefestigt, Neuware PE stand unter Kostendruck. Normalerweise gibt teurere Neuware dem Rezyklat Raum nachzuziehen. Diesmal haben die höheren Neuwarepreise die Margen für Rezyklate nicht verbessert, weil die Käufer genug Alternativen hatten.
Wer die Rezyklatpreise Ende Juni verfolgt hat, erkennt das Muster. Eine Wende findet der Bericht seitdem nicht. Für Recycler heißt das: Die Betriebskosten bleiben hoch, der Verkaufspreis bewegt sich kaum.
Billige Fracht erleichtert Importe
Ende September lagen die Spotraten der Seefracht, also die Preise für kurzfristig gebuchte Transporte, vom Fernen Osten nach Nordeuropa 29 % unter dem Niveau vom 1. Juli. Auf der Route vom Fernen Osten ins Mittelmeer betrug der Rückgang rund 38 %. Günstigere Fracht erleichtert den Import asiatischer Rezyklate und Neuware. Beides konkurriert direkt mit europäischem Rezyklat.
Dieser Druck trifft eine Branche, die bereits viel verloren hat. Plastics Recyclers Europe meldete Ende 2025, dass Europa in rund drei Jahren fast 1 Million Tonnen Recyclingkapazität verloren hat. Betroffen waren PET, Polyolefinfolien, HDPE, PP und weitere Ströme. Vorläufige Daten für 2025 zeigten, dass sich die Schließungen beschleunigen. Als Gründe nannte der Verband hohe Betriebskosten, schwache Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Neuware und billigere Importe.
Gemessen an einer Basis von rund 13,2 Millionen Tonnen im Jahr 2023 beziffert Paul Ploumis von ScrapMonster den Verlust auf etwa 7,5 %. Das ist ein Bruttowert, denn im selben Zeitraum kamen auch neue Kapazitäten hinzu. Jede Schließung nimmt dem Markt dennoch einen Abnehmer für gesammelte Abfälle und einen Lieferanten von Rezyklat vor Ort.
Regeln schützen spät und nur teilweise
Die Politik bietet zwei Arten von Unterstützung, doch keine erreicht die heutigen Auftragsbücher vollständig. Die erste ist die Verpackungsverordnung PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation), die verbindliche Rezyklatanteile für Kunststoffverpackungen festlegt. Sie gilt seit dem 12. August 2026, doch die wichtigsten Pflichtanteile beginnen grundsätzlich erst am 1. Januar 2030.
Die zweite ist enger gefasst. Der Durchführungsbeschluss der Kommission (EU) 2026/1425, anwendbar seit dem 23. Juli 2026, regelt, wie Rezyklat auf das 25 %-Ziel für PET-Flaschen angerechnet wird. Dieses Ziel stammt aus der Einwegkunststoffrichtlinie (SUP-Richtlinie), nicht aus der PPWR. Wie wir im Juli zu den Regeln für PET-Flaschen berichtet haben, zählt PET-Rezyklat aus Drittstaaten bis zum 21. November 2027 grundsätzlich nicht zum 25 %-Ziel. Danach kann Material aus OECD-Staaten, den Mitgliedern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, unter Umweltauflagen zählen, für Material von außerhalb der OECD braucht es zusätzliche Abkommen. Ein Importverbot ist das nicht. Recyceltes PET aus Drittstaaten darf weiter legal gekauft werden.
Auf der Abfallseite geht es schneller. Nach den neuen Regeln zur Abfallverbringung ist die Ausfuhr nicht gefährlicher Kunststoffabfälle in Nicht-OECD-Staaten ab dem 21. November 2026 verboten. PET-Recycler, die Abfüller beliefern, haben bis November 2027 einen Teilschutz. Hersteller farblich gemischter PE- und PP-Qualitäten bekommen durch diese Regeln keinen. Sie konkurrieren mit Importen, deren Fracht seit Juli um 29 % bis rund 38 % billiger geworden ist.
Häufige Fragen
Was sagt der BIR World Mirror on Plastics vom Oktober 2026 über Europa?
BIR hat den Bericht am 12. Oktober 2026 veröffentlicht. Die langfristigen Aussichten für das Kunststoffrecycling in Europa gelten als positiv, die aktuelle Lage als düster, mit gedämpfter Nachfrage und kaum Spielraum für Preiserhöhungen.
Wie stark ist die Seefracht von Asien nach Europa gefallen?
Ende September lagen die Spotraten vom Fernen Osten nach Nordeuropa 29 % unter dem Niveau vom 1. Juli. Vom Fernen Osten ins Mittelmeer waren sie rund 38 % niedriger.
Verbietet der Beschluss (EU) 2026/1425 den Import von PET-Rezyklat?
Nein. PET-Rezyklat aus Drittstaaten zählt bis zum 21. November 2027 grundsätzlich nicht zum 25 %-Ziel für PET-Flaschen, der Import bleibt aber legal.