Kreislaufwirtschaft

Italien fordert im Umweltrat Hilfe für Europas Kunststoffrecycler

Die Recyclingkapazität der EU wächst nicht mehr, nur rund 13 % der Kunststoffe kehren als Kunststoff zurück. In Luxemburg hat Rom das Thema auf die Ebene der Minister gehoben.

Italien fordert im Umweltrat Hilfe für Europas Kunststoffrecycler

Die Kunststoffrecycling-Krise der EU ist seit dem 12. Oktober 2026 Thema der Minister. Beim Umweltrat in Luxemburg legte Italiens Vize-Umweltministerin Vannia Gava eine Note unter dem Tagesordnungspunkt „Sonstiges“ vor. Darin ist von einer „unprecedented crisis“ die Rede, einer beispiellosen Krise des Sektors. Portugal, die Niederlande, Frankreich, Spanien, Belgien und Lettland stellten sich hinter Rom. Alle teilen dieselbe Sorge: Europa verliert Recyclingkapazität. Italien verlangt strengere Importkontrollen, mehr Nachfrage nach Rezyklat und staatliche Unterstützung. EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall antwortete mit einer Liste laufender Arbeiten. Feste Termine nannte sie nicht, Geld stellte sie nicht in Aussicht.

Kapazität, die nicht mehr wächst

Die italienische Note trägt den Titel „Towards a stable and Competitive EU market for Secondary plastic raw materials“. Ihre Zahlen sind ernüchternd. Die Recyclingkapazität der EU lag 2023 bei rund 13,2 Mio. Tonnen. Seitdem wächst sie nicht mehr. Die Kommission rechnet bis Ende 2025 netto mit einem Verlust von etwa 1 Mio. Tonnen. Plastics Recyclers Europe kam Ende 2025 zu einem ähnlichen Befund. Der Verband meldete, dass in rund drei Jahren knapp 1 Mio. Tonnen Kapazität verschwunden seien. Betroffen sind PET, Polyolefinfolien, HDPE, PP und andere Materialien.

Nur etwa 13 % der in der EU hergestellten Kunststoffe kehren als neuer Kunststoff zurück. Die Quote der zirkulären Materialnutzung liegt bei 12,2 %. Für 2030 strebt die EU 24 % an. Dass der Kreislauf schon länger stockt, zeigen auch die Daten von Plastics Europe für 2026. Die Ursachen hat die Kommission im Dezember 2025 selbst anerkannt: zersplitterte Märkte für Rezyklat, hohe Energiekosten sowie niedrige und schwankende Preise für Neuware. Hinzu kommen billige Importe. Sie bestehen laut Note häufig aus Neuware, die als Rezyklat deklariert wird. Wie eng es in den Betrieben ist, beschreibt der jüngste BIR-Bericht über Recycler unter Druck.

Sechs Forderungen aus Rom

Rom betont, die Sammlung sei nicht das Problem. Dort gehöre Italien zu den Besten in Europa. Es fehle die Nachfrage nach Sekundärrohstoffen. Gava nannte als Kern „the lack of markets for sorted and recycled plastics“. Für sortierte und recycelte Kunststoffe gibt es also zu wenige Abnehmer. Sortierte Ware wird deshalb langsamer abgeholt, Recyclingwerke und Anlagen für Ersatzbrennstoffe (SRF) schließen. Für Plasmix, also gemischte Kunststoffreste, und gemischte Polyolefine findet sich kaum ein Käufer. Die Sortieranlagen laufen voll, die Brandgefahr steigt. Italien leitet daraus sechs Forderungen ab:

  • Importe strenger kontrollieren, mit eigenen Zolltarifnummern für Rezyklat und Neuware, EU-Zertifizierung des Rezyklatanteils, Audits in Drittstaaten und der Beweislast beim Importeur; dazu Handelsschutz bei Dumping und eine Prüfung des CO2-Grenzausgleichs CBAM für Polymere.
  • Nachfrage schaffen durch Zwischenziele auf dem Weg zu den Rezyklatquoten der Verpackungsverordnung PPWR und Rezyklatpflichten auch für Autos, Bau, Elektrogeräte und langlebige Güter.
  • Beihilferegeln lockern, etwa für Steuervorteile, dazu Entlastung bei Energiekosten, befristete Hilfen für Plasmix und Differenzverträge.
  • Die Circular Plastics Alliance neu beleben.
  • Die Krise regelmäßig mit den Mitgliedstaaten beobachten.
  • Den Circular Economy Act zügig vorlegen.

Frankreich legt beim Import nach

Paris ging in mehreren Punkten weiter. Frankreich will verbindliche Mindestanteile für Rezyklat und einen Vorrang für Material, das in der EU recycelt wurde. Importiertes Rezyklat soll nur zugelassen werden, wenn der Abfall unter gleichwertigen Gesundheits- und Umweltbedingungen gesammelt und verarbeitet wurde. Außerdem sollen rPET und neues PET getrennte Zolltarifnummern erhalten. Erst dann lässt sich an der Grenze unterscheiden, was als Rezyklat ankommt und was als Neuware.

Ein zweites Thema der italienischen Note ist das Ende der Abfalleigenschaft. Ab diesem Punkt gilt aufbereitetes Material rechtlich nicht mehr als Abfall, sondern als Produkt. Italien unterstützt EU-weite Kriterien. Ihr Fehlen koste den Sektor rund 120 Mio. EUR pro Jahr. Die Verordnung soll aber nur das mechanische und physikalische Recycling zu neuem Kunststoff erfassen. Nationale Kriterien für andere Verwendungen sollen bestehen bleiben. Gemeint sind Zusätze für Asphalt, Bitumenbahnen, Einsatzstoff für das chemische Recycling und Reduktionsmittel in der Hüttenindustrie. Einen einheitlichen Grenzwert für Fremdstoffe hält Rom bei gemischten Post-Consumer-Kunststoffen für ungeeignet. Wie weit die EU-Kriterien reichen sollen, erklärt unser Beitrag zum Umfang der Abfallende-Kriterien für Kunststoffe.

Wie antwortete Brüssel?

Kommissarin Jessika Roswall verwies auf laufende Arbeiten. Die Kommission bereite eigene Zolltarifnummern für bestimmte Rezyklate vor und arbeite an EU-Kriterien für das Ende der Abfalleigenschaft. Zudem wolle sie die Verbringung von Abfällen zum Recycling erleichtern. Der angekündigte Circular Economy Act soll den Markt für Sekundärrohstoffe auf der Angebots- und der Nachfrageseite stärken. Ein Datum nannte Roswall nicht. Finanzielle Hilfen für die Recycler bot sie nicht an. Die Circular Plastics Alliance, deren Neustart Italien fordert, hatte die Kommission bereits am 8. April 2026 neu aufgelegt.

Für Recycler zählen in den kommenden Monaten drei feste Punkte. Ab dem 21. November 2026 ist der Export nicht gefährlicher Kunststoffabfälle (Code B3011) in Länder außerhalb der OECD verboten. Bis zum 31. Dezember 2026 will die Kommission die Rechtsakte zu Artikel 7 der PPWR annehmen. Sie legen fest, wie Post-Consumer-Rezyklat aus der EU gezählt wird und wann Rezyklat aus Drittstaaten als gleichwertig gilt. Die Frist für Stellungnahmen endete am 16. September 2026. Der Circular Economy Act ist für 2026 angekündigt, ohne Termin. Wer Lieferverträge oder Investitionen plant, sollte vor allem die Gleichwertigkeitsregel prüfen. Sie bestimmt, wie stark Importware künftig mit europäischem Rezyklat um die Quoten konkurriert.

Häufige Fragen

Welche Staaten haben Italien im Umweltrat unterstützt?

Portugal, die Niederlande, Frankreich, Spanien, Belgien und Lettland. Sie teilen die Sorge, dass Europa weitere Recyclingkapazität verliert.

Wie viel Recyclingkapazität verliert die EU?

Die Kapazität lag 2023 bei rund 13,2 Mio. Tonnen und wächst nicht mehr. Die Kommission erwartet bis Ende 2025 netto einen Verlust von etwa 1 Mio. Tonnen.

Bis wann kommen die Rechtsakte zu Artikel 7 der PPWR?

Die Kommission will sie bis zum 31. Dezember 2026 annehmen. Sie regeln, wie Post-Consumer-Rezyklat aus der EU gezählt wird und wann Rezyklat aus Drittstaaten gleichwertig ist.

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Robert Karbowy
Geschrieben von

Head of Quality, Plastic Trader
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