Borouge International baut sein mechanisches Recycling aus, und zwar in einem Markt, der kaum Luft holt. Der Konzern, früher als Borealis bekannt, kündigte am 7. Oktober neue Anlagen für insgesamt 14 Kilotonnen (kt), also 14 Tausend Tonnen, Rezyklat pro Jahr an. Die Mengen entstehen im deutschen Niedergebra und im österreichischen Wildon. Europas Recyclingkapazität für Polyolefine wächst damit nur leicht, das Signal zählt aber trotzdem. Denn zur selben Zeit melden Branchendienste einen schwachen deutschen Markt für PET und Kunststoffabfälle. Ein großer Chemiekonzern investiert, während die Branche insgesamt seit Jahren Kapazität verliert. An diesem Kontrast lässt sich ablesen, wie sich die Gewichte im europäischen Kunststoffrecycling verschieben.
Was Borouge in Niedergebra und Wildon baut
In Niedergebra, dem früheren Standort der mtm plastics GmbH, sollen knapp 9 kt pro Jahr entstehen. Das Werk verarbeitet gemischte Polyolefinabfälle aus dem Post-Consumer-Bereich, also gebrauchte Verpackungen aus Haushalten. Polyolefine sind die Kunststofffamilie aus Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP). Das Rezyklat, also der aufbereitete Sekundärrohstoff, geht in starre Anwendungen. Der Start ist für das erste Quartal 2027 geplant.
In Wildon, früher Ecoplast, kommen bis zu 5 kt recyceltes Polyethylen (rPE) pro Jahr hinzu. Es ist vor allem für flexible Verpackungen gedacht und soll im vierten Quartal 2027 anlaufen. Die Investitionssumme nennt Borouge nicht. Die neuen Linien ergänzen bestehende Kapazitäten. Im bulgarischen Elin Pelin produziert der Konzern mehr als 20 kt Post-Consumer-rPP pro Jahr. In den USA gehört das Syndigo-Werk in Indiana für PE-Folien dazu. Verkauft werden die Rezyklate unter den Marken Borcycle M und Recleo. Wie unterschiedlich sich die beiden Polymere im Kreislauf verhalten, zeigen unsere Leitfäden zum Recycling von HDPE und zum Recycling von Polypropylen.
Der deutsche Markt kommt nicht in Schwung
Die Ankündigung fällt in eine schwache Phase. Laut dem Branchendienst EUWID stand das deutsche PET-Recycling im September unter Druck. Gebrauchte Flaschen kamen reichlich, die Nachfrage nach Flakes und Regranulat ließ dagegen nach. Klare Flakes hielten sich besser als farbige. Auch der Markt für Kunststoffabfälle erholte sich nach dem Sommer nur mäßig. Im September zog die Aktivität leicht an, insgesamt blieb das Geschäft weitgehend stabil.
Beim Export ist die Zurückhaltung deutlich. Deutschland führte im ersten Halbjahr 2026 etwas mehr als 10 Prozent weniger Kunststoffabfälle aus. Die Menge sank auf rund 367.000 Tonnen, der Wert fiel noch stärker. Ähnlich klingt der Quartalsbericht des Weltrecyclingverbands BIR vom 12. Oktober. Die erhoffte Belebung nach den Ferien blieb aus. Käufer bestellen vorsichtig, Material ist reichlich vorhanden. Die Preise für PE- und PP-Rezyklate bewegen sich zwischen stabil und leicht fallend. Naturfarbene und transparente LDPE- und HDPE-Qualitäten schneiden besser ab als farblich gemischte Industrieware. Bei rPP haben Recycler kaum Spielraum für Aufschläge. Details liefert unser Beitrag über Europas Recycler unter Druck. Wo die Preise zur Jahresmitte standen, zeigt die Auswertung der Rezyklatpreise Ende Juni.
Europa verliert Recyclingkapazität
Hinter der Flaute steckt ein strukturelles Problem. BIR bewertet die langfristigen Aussichten des europäischen Kunststoffrecyclings positiv. Die aktuelle Lage nennt der Verband dagegen „bleak“, also düster. Seit 2023 schließen Anlagen in erheblichem Umfang.
Der Verband Plastics Recyclers Europe (PRE) bezifferte Ende 2025 den Verlust auf knapp 1 Million Tonnen europäischer Recyclingkapazität in rund drei Jahren. Betroffen sind PET, Polyolefinfolien, HDPE, PP und weitere Materialien. Vorläufige Zahlen für 2025 deuteten sogar auf beschleunigte Schließungen hin. Als Gründe nennt PRE hohe Betriebskosten und eine schwache Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Neuware und günstigeren Importen.
Zur Einordnung: 2023 lag die Basis bei rund 13,2 Millionen Tonnen. Der Fachdienst ScrapMonster setzt den Verlust mit etwa 7,5 Prozent dieser Basis an. Das ist ein Bruttowert, denn parallel gingen auch neue Anlagen in Betrieb. Gemessen daran wirken die Projekte in Niedergebra und Wildon bescheiden. Sie gleichen nur einen Bruchteil dessen aus, was in den vergangenen Jahren vom Netz ging.
Große Konzerne sichern sich den Kreislauf
Der Unterschied liegt im Geschäftsmodell. Borouge stellt Neuware und Rezyklat unter einem Dach her. Der Konzern kann Recycling als Teil seines Sortiments finanzieren und Kunden beides liefern. Erklärtes Ziel ist, Abnehmern bei Rezyklatvorgaben zu helfen. Dazu zählen auch die Quoten der EU-Verpackungsverordnung PPWR, die den Einsatz von Rezyklat in Kunststoffverpackungen vorschreibt. Dirk Langhammer, Senior Vice President Circular Solutions, nennt zirkuläre Materialien „a strategic resource for Europe and around the world“. Die Investitionen in die europäische Recyclingplattform sollen laut Langhammer „an even larger range of customers more reliable access“ verschaffen. Gemeint ist: mehr Kunden verlässlicher beliefern.
Unabhängige Recycler haben diesen Rückhalt nicht. Sie verkaufen nur Rezyklat, konkurrieren direkt mit Neuware und Importen und tragen das volle Marktrisiko. Genau dort setzen die Schließungen an, die PRE beschreibt.
Für Käufer von recyceltem Polyolefin (rPO) und rPE heißt das: 2027 kommen zusätzliche Mengen aus integrierten Quellen in Deutschland und Österreich hinzu. Starre Anwendungen sind ab dem ersten Quartal an der Reihe, flexible Verpackungen erst gegen Jahresende. Wer Lieferverträge plant, gewinnt damit eine weitere Quelle, sollte aber prüfen, wie breit die eigene Versorgung aufgestellt ist. Welches Material zu welcher Anwendung passt, zeigt der Vergleich von rPET, HDPE-Rezyklat und recyceltem PP. Unabhängige Recycler brauchen feste Abnahmezusagen, bevor die neuen Konzernmengen den Markt erreichen.
Häufige Fragen
Wie viel Recyclingkapazität baut Borouge in Deutschland und Österreich aus?
Insgesamt 14 kt pro Jahr. Niedergebra soll knapp 9 kt Rezyklat für starre Anwendungen liefern, Wildon bis zu 5 kt rPE vor allem für flexible Verpackungen.
Wann gehen die neuen Anlagen in Betrieb?
Niedergebra soll im ersten Quartal 2027 starten, Wildon im vierten Quartal 2027. Die Investitionssumme hat Borouge nicht veröffentlicht.
Wie viel Recyclingkapazität hat Europa zuletzt verloren?
Plastics Recyclers Europe meldete Ende 2025 einen Verlust von knapp 1 Million Tonnen in rund drei Jahren. Als Gründe nennt der Verband hohe Betriebskosten und den Wettbewerb mit Neuware und günstigeren Importen.